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22. Dezember 2016 von Sieveking Verlag

Cy Twombly – Ein Künstlerporträt

Cy Twombly – Ein Künstlerporträt

Malender Dichter, romantischer Symbolist, Solitär, Großplanet, Einzelgänger, Exzentriker, Eigenbrötler, reiner Intellektuellenkünstler und vieles mehr.

Die Liste der Etiketten, die Cy Twombly, dem malenden Großmeister der Andeutungen und Abbreviationen, angeheftet wurden, ließe sich unendlich fortsetzen. Vielleicht liegt es gerade daran, dass Cy Twombly sich der Öffentlichkeit zeit seines Lebens weitgehend entzogen hat, dass die Spekulationen über ihn und die Rätselhaftigkeit seines Werkes derart inflationär ins Kraut geschossen sind. Interviews gab er nur seinen engsten Vertrauten, und sobald eine Kamera auf ihn gerichtet wurde, nahm er Reißaus.

Geboren wurde Edwin Parker, genannt „Cy“, Twombly am 25. April 1928 in Lexington, Virginia. Bereits mit zwölf Jahren nahm er privaten Kunstunterricht. Nach der High School absolvierte er ein Kunststudium an verschiedenen Hochschulen der amerikanischen Ostküste, das er 1952 nach einem kurzen Gastspiel am legendären Black Mountain College in North Carolina abschloss. Zu seinen Mitstudenten gehörten so berühmte Malerkollegen wie Robert Motherwell und Franz Kline. Eine lebenslange Freundschaft verband Twombly auch mit den Künstlerkollegen Robert Rauschenberg und Jasper Johns. Jenseits des Privaten hat sich Twombly nie von anderen Künstlern vereinnahmen lassen. Seine Kunst blieb immer einzigartig und jenseits aller Gruppenzugehörigkeiten. Der britische Kunstkritiker Robert Hughes sah in ihm gar „den Dritten Mann, eine geheimnisvolle Schattengestalt, jenseits des lebhaften Doppelgespanns seiner Freunde Jasper Johns und Robert Rauschenberg“.  Eine nicht unbedeutende Rolle für Twomblys spätere Kunstpraxis dürfte aber auch die Tatsache gespielt haben, dass er während seiner Militärzeit als Experte für Verschlüsselungsverfahren im Pentagon gearbeitet hat.

1952 bereiste Cy Twombly zusammen mit Robert Rauschenberg Nordafrika, Spanien, Italien und Frankreich. Diese Reise hatte offenbar einen starken Eindruck bei ihm hinterlassen. 1957 entschloss er sich, nach Italien zu ziehen. Schon bald heiratete er die ebenfalls künstlerisch tätige Baroness Tatiana Franchetti.  Das kulturelle Erbe des Mittelmeerraums, nicht zuletzt auch die griechische und römische Mythologie, beflügelte seine Kunst. Venus und Mars, Apollo und Achill, Amor und Psyche, Leda und der Schwan, die Schriften des Catull und Gaius Julius Cäsars „Iden des März“: All das findet sich auf Twomblys Leinwänden in oft stark verschlüsselter Form wieder.

Kritzeln, Krakeln, Schmieren. Begriffe, die das Kunstschaffen von Kindern charakterisieren und, angewendet auf Erwachsene, in der Regel eher eine negative Konnotation haben, beschreiben im Falle von Cy Twombly eigentlich ganz genau die Qualität seiner Arbeit. Denn, wie er im Jahr 2000 in einem seiner seltenen Interviews dem englischen Kunstkritiker und Kurator David Sylvester sagte, gebe es nichts Schwierigeres, als so wie Kinder zu malen, ohne dabei kindisch zu werden. Twombly: „Malen ist eigentlich eine kindliche Angelegenheit. Farbe an sich ist etwas Kindliches.“ Auf überwiegend schmutzig-weißen oder grauen Untergründen entfachte Twombly jahrzehntelang ein wahres Feuerwerk graffitiartiger Kritzeleien. Erst im Spätwerk wurden diese skripturalen Einsprengsel durch großflächigere Farbkaskaden abgelöst.

Seine oft großformatigen Gemälde sind dabei voller kalligrafischer Zeichen, Tropfen, Schlieren und Verschmierungen, Schraffuren, Ausradierungen, Drippings, Craquelé-Effekte, Kringel, Zahlenreihen, hingekritzelter Namen aus der Mythologie, dann wieder Wortfetzen in italienischer Sprache. Aber auch erotisch aufgeladene Zeichen wie Phallussymbole oder angedeutete Pobacken tauchen immer wieder auf. Was für ihn dabei im Vordergrund stand, waren der Akt des Malens und Zeichnens und die Geste des Schreibens. Darauf, dass seine Abbreviaturen am Ende auch für den Betrachter entzifferbar sein sollten, kam es ihm nicht an.

Achilles Mourning the Death of Patroclus, 1962 Collection Centre Pompidou, Paris © Centre Pompidou / P.Migeat / Dist. RMN-GP

Achilles Mourning the Death of Patroclus,
1962
Collection Centre Pompidou, Paris
© Centre Pompidou / P.Migeat / Dist. RMN-GP

Schon in den 1960er-Jahren ist Cy Twombly regelmäßig wieder in seinen amerikanischen Geburtsort Lexington zurückgekehrt. Hier unterhielt er ein bescheidenes Atelier, in dem er oft monatelang am Stück arbeitete. In seiner Wahlheimat Rom ist Cy Twombly am 5. Juli 2011 nach einem jahrelangen Kampf gegen den Krebs gestorben.

Der französische Philosoph und Mitbegründer der Semiologie, Roland Barthes, hat bereits Ende der 1970er-Jahre einen 75 Seiten langen Essay über Twombly geschrieben, in welchem er seine spezifische künstlerische Handschrift lobte und den auch von vielen Künstlerkollegen unverstandenen Maler gegen die Anfeindungen seiner Kritiker beherzt in Schutz nahm: „Der Strich von Cy Twombly“, so Barthes, „ist unnachahmlich. Versuchen Sie, ihn nachzuahmen: Was Sie machen, wird weder von ihm noch von Ihnen sein; es wird NICHTS sein.“

Das Pariser Centre Pompidou zeigt noch bis zum 24. April 2017 eine große Cy-Twombly-Retrospektive mit über 140 Arbeiten. 

Den Beitrag schrieben Nicole Büsing und Heiko Klaas.