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1. Dezember 2016 von Sieveking Verlag

Man trägt wieder Bart. Eine kleine Geschichte der Bartmode

Man trägt wieder Bart. Eine kleine Geschichte der Bartmode

Wo es damit losging, lässt sich im Nachhinein gar nicht so genau feststellen. Tatsache ist jedoch, dass Männer mit Bärten seit einigen Jahren wieder vermehrt in der Öffentlichkeit auftreten. Ob im New Yorker Hipster-Viertel Williamsburg, im Londoner Stadtteil Shoreditch, im Hamburger Schanzenviertel oder den Berliner In-Vierteln Mitte, Kreuzberg oder Friedrichshain: Jüngere Männer mit Bart scheinen dort zurzeit den Ton anzugeben. Neben dem Vollbart gibt es zwar nahezu unendlich viele Varianten der nicht oder nur teilweise wegrasierten männlichen Gesichtsbehaarung, doch offenbar lautet bei den meisten Großstadt-Hipstern das Motto: Wenn schon Bart, dann soll es auch ein richtiger sein.

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Wer einen Bart trägt, reiht sich ein in eine nicht nur jahrtausendealte, sondern ganz offenbar die gesamte Menschheitsgeschichte durchziehende Tradition der bewussten Gesichtsgestaltung. Rasieren oder nicht? Vor dieser Frage stehen nicht nur die metrosexuellen Männer des 21. Jahrhunderts allmorgendlich in ihren High-Tech-Badezimmern. Selbst Steinzeitvölker, so wird angenommen, kannten bereits die Rasur mit geschliffenen Feuersteinklingen oder scharfkantigen Muschelschalen. Alternativ dazu gab es auch die, gewiss nicht minder schmerzhafte, Möglichkeit des vorsichtigen Absengens der Bartstoppeln mit glühenden Holzstückchen oder Ähnlichem. Auch in der römischen Antike wurde das glatt rasierte Gesicht als Distinktionsmerkmal gegenüber den als roh und unzivilisiert empfundenen „Barbaren“, etwa den germanischen Völkern, hochgeschätzt. Eine Unterscheidung, die sich über viele Jahrhunderte hinweg gehalten hat. Fast alle Kaiser und Könige des Hochmittelalters waren glattrasiert, von Ausnahmen wie Kaiser Otto I. (912─973) einmal abgesehen. Und auch der Klerus liebte es lange Zeit eher bartlos. Allerdings war die Rasur bis zur Einführung des ersten primitiven Rasierschaums um 1525 eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit, weshalb sie auch keineswegs täglich, sondern normalerweise nur im Abstand mehrerer Tage durchgeführt wurde. Mit Lauge, heißem Wasser oder Dampf konnten die Stoppeln zumindest so gefügig gemacht werden, dass sich der Schmerz beim Abscheren einigermaßen ertragen ließ. Wer schön sein wollte, musste also ganz sprichwörtlich leiden.

 Mit der Renaissance kam Bewegung in die Bartmode. Wie aus heiterem Himmel entstanden ab dem frühen 16. Jahrhundert die fantasievollsten und aberwitzigsten Varianten des Gesichtshaares. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte erlebte die Bartmode dann so manche Konjunktur und so manchen Einbruch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt es zum Beispiel in Deutschland als antinapoleonisches Bekenntnis, einen Vollbart zu tragen, ab 1830 kamen dann die ersten revolutionären Schnauzbärte als Symbol demokratischer Einstellungen auf, und mit der 1848er- Revolution gab es zunächst kein Halten mehr: Bartwuchs in jeglicher Form galt als Ausdruck freiheitlicher Gesinnung. Man denke nur an Karl Marx und Friedrich Engels. Wilhelm I. allerdings usurpierte das Symbol der Demokraten, indem er es einfach übernahm und qua seines Amtes zum Kennzeichen der Kaisertreue umdefinierte.

Mit den Erfindungen des 19. Jahrhunderts wurde die Rasur zum Glück auch zu einem immer schmerzloseren Unterfangen. Die Engländer perfektionierten zu Beginn des Jahrhunderts den Rasierschaum, und nachdem seit 1874 erste Apparate zur Selbstrasur erhältlich waren, war es im Jahre 1895 ein amerikanischer Erfinder mit dem Namen King Camp Gillette, der den ersten massentauglichen Nassrasierer auf den Markt brachte. Ab 1905 gab es ihn auch in Deutschland. Die Zeit morgendlicher Barbierbesuche war damit für viele Männer vorbei. In den 1930er-Jahren folgten dann die ersten elektrischen Rasierapparate, und seit 1949 gibt es Rasierschaum auch als Spray. 

Seit vielen Jahrzehnten ist es also denkbar einfach, die morgendlichen Stoppeln ganz oder teilweise selbst zu entfernen. Doch was einfach ist, ist vielleicht auch etwas langweilig. Ein Drittel der deutschen Männer immerhin hat sich zurzeit gegen das glattrasierte Gesicht entschieden und trägt Bart. Doch der will gepflegt sein. In den Großstädten erlebt der luxuriöse Barber Shop, wie man ihn aus amerikanischen Gangsterfilmen der 1930er- und 1940er-Jahre kennt, zurzeit ein Revival. Und ein großer französischer Kosmetikkonzern bewirbt nicht nur sein umfangreiches Sortiment an Bart-Styling-Produkten sondern bietet modischen Männern mit einem eigenen Bart-Blog sogar eine Diskussionsplattform zum Austausch über die neuesten Barttrends. Zurzeit angeblich hip: der Anker, der Fu Manchu, der Goatee, der Henriquatre und die Schifferkrause.

Den Beitrag schrieben Nicole Büsing und
Heiko Klaas