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22. Dezember 2016 von Sieveking Verlag

Maria Sibylla Merian

Maria Sibylla Merian

Am 13. Januar jährt sich zum 300. Mal ihr Todestag. Sie lebte in einer Zeit, in der der Aberglaube noch weitverbreitet war. Während sie in Frankfurt Raupen studierte, verbrannte man in anderen Städten Frauen als Hexen. Als sie zu malen anfing, glaubte man noch, Insekten seien Ausgeburten des Teufels, hervorgebracht von verdorbenem Fleisch und faulendem Obst. Nur wenige konnten oder wollten sich überwinden, genau hinzusehen, um sich eines Besseren belehren zu lassen. Merian war eine Ausnahme: Aus kindlicher Neugierde wurde eine lebenslange Faszination.

Schon mit 13 Jahren sammelte Maria Sibylla Merian (1647 – 1717) alle Raupen, derer sie habhaft werden konnte, um die Stadien ihrer Verwandlung zu beobachten und diese zu zeichnen. Vielleicht ein seltsamer Zeitvertreib für ein junges Mädchen, aber ihr war ein unkonventionelles Leben beschieden. […] Obwohl sie bereits mit 18 Jahren heiratete, blieb Merian ausgesprochen unabhängig. Sie behielt ihren Mädchennamen und trug zum Unterhalt der Familie bei, unterrichtete Schülerinnen im Zeichnen, verkaufte Malutensilien und Seidenmalereien. Nach der Trennung von ihrem Mann lebte sie mit den beiden Töchtern, Johanna und Dorothea, in Amsterdam und arbeitete als wissenschaftliche Illustratorin. Dort studierte sie exotische Pflanzen, Schmetterlinge und Insekten, die Kaufleute und Naturforscher überall in Amerika gesammelt hatten. Aber die verblichenen, schlecht konservierten Exemplare waren ein trauriger Ersatz für lebende Motive.

»Ich würde Sie bitten, so gütig zu sein, mir keine toten Kreaturen mehr zu schicken, da ich keine Verwendung für sie habe.«

Maria Sibylla Merian, Naturstudien © The Trustees of the British Museum

Maria Sibylla Merian, Naturstudien
© The Trustees of the British Museum

Sie sehnte sich danach, deren Verhalten und Farben in der Natur zu studieren. Mit 52 Jahren segelte sie mit Dorothea in die holländische Kolonie Surinam, um die Fauna und Flora dieses »heißen, feuchten Landes« festzuhalten. […] Eine Malariaerkrankung zwang Merian 1701 zur Rückkehr in die Niederlande. Sie begann sofort mit den Arbeiten für Metamorphosis Insectorum Surinamensium. Das Buch, das zum Standardwerk wurde, stellt die Lebenszyklen von bis dahin unbekannten Pflanzen und lebensgroßen Insekten dar. Die Inszenierung und der Detailreichtum ihrer Arbeiten waren zu jener Zeit beispiellos. Aber ihr größtes Vermächtnis war, uns daran zu erinnern, auch die kleinsten aller Geschöpfe zu würdigen und niemals Mädchen zu unterschätzen, die Raupen sammeln.

(Der Text ist eine Auszug aus dem Buch Kosmos großer Entdecker von Huw Lewis-Jones und Kari Herbert, Sieveking Verlag, 2016)

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