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29. September 2016 von Sieveking Verlag

Wie aus Fremden Freunde werden

Wie aus Fremden Freunde werden

In unserem oberbayerischen Dorf hatte es sich längst herumgesprochen: »Die Flüchtlinge« kommen, oben, in die ehemalige Pension. Dort hatten seit den 1950er-Jahren Sommergäste ihre Ferientage verbracht, seit Monaten stand sie schon leer. Die Besitzer hatten aufgegeben. Es kam kaum noch jemand, denn die zehn Fremdenzimmer waren so altmodisch wie die Wörter »Fremdenzimmer« und »Sommerfrische«, die so gut zu dem einstigen Bauernhof passten, mit seinem Gästetrakt und der Gaststätte, von deren Sonnenterrasse man einen märchenhaften Blick über Wiesen und Wälder auf das Bergpanorama der Voralpen hat.

 

Mitte Dezember 2015 zogen sie ein, die ganz anderen Fremden. Sie kamen mit kleinem Gepäck an mehreren nebelverhangenen Tagen nacheinander an, stiegen aus dem Bus und liefen zu Fuß hinauf zu der ehemaligen Pension. 16 junge Männer aus allen Teilen Syriens, der jüngste 19, der älteste 39 Jahre alt, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in die Pension einquartiert. Hier erst lernten sie sich kennen und lernten wir sie kennen, meine Frau und ich, als wir mit einem Teller Weihnachtsplätzchen wenig später die paar Schritte von unserem Haus nach oben gingen. Wir wollten die geflüchteten Fremden als neue Nachbarn begrüßen, sie kennenlernen, uns vertraut mit ihnen machen. Ein strahlendes »Welcome!« war das Erste, was wir hörten, und »Please, sit!«, nachdem wir in den Gemeinschaftsraum der Unterkunft gebeten worden waren. Nicht mehr als eine Stube, spärlich möbliert: ein Tisch, acht Stühle, an der Wand ein stets eingeschalteter Fernseher mit arabischen Nachrichten. Man reichte uns Kaffee, nicht Tee. Die erste von vielen kleineren und größeren Lektionen, die wir zu lernen hatten: Nicht in allen arabischen Ländern trinkt man, wie wir dachten, nur Tee, oder Chai, wie sie sagen, vielmehr ist es üblich, Gästen den kostbaren Kaffee schwarz und ungesüßt zur Begrüßung zu reichen. Darüber sprachen wir mit Salem, der rasch hinzugezogen worden war, wegen seiner Englischkenntnisse, die er zum Übersetzen nutzte, und weil er als Ältester der vom Amt zusammengewürfelten Männergruppe die größte Autorität und das höchste Ansehen hat. In Syrien sei das so. Salem hatte von Anfang an die Verantwortung übernommen für das Zusammenleben an dem neuen Ort.  Als einstiger Geschäftsführer einer Textilfabrik organisierte er die Abläufe: wer mit wem in welchem Zimmer schlafen sollte, die Einkaufsfahrten, das Kochen in Gruppen und Essen in Schichten, die Putzdienste. Selbst Spannungen oder Streitigkeiten schlichtete er. Was eben nötig ist beim Zusammenleben einander fremder Menschen in einem fremden Land auf engstem Raum. »Fremdenzimmer« im wahrsten Sinne des Wortes. Später half er mir bei vielen Gesprächen mit den Bewohnern, indem er auf Arabisch erklärte, dass ich in diesem Buch jeden Einzelnen aus der Gruppe vorstellen wolle, damit man sie nicht mehr pauschal als »Flüchtlinge« oder »Fremde« wahrnehmen, sondern jeden als Individuum, mit seinen je eigenen Erfahrungen und Erinnerungen kennenlernen würde.

16 Porträts und viele weitere Lektionen. Dass zum Beispiel der Mensch, der mir gegenübersitzt, auf dem heimischen Sofa oder irgendwo draußen auf einer Wiese oder an eine warme Hauswand gelehnt, zunächst lakonisch, geradezu ausweichend antwortet. Die Angst, er könne sich oder Verwandte in Syrien in Gefahr bringen, ist allgegenwärtig. Später las ich, welch unheimliche Macht Assads Geheimdienst hat und wie gefürchtet die Schergen nicht nur des Diktators sind, selbst in der scheinbaren Sicherheit deutscher Fremdenzimmer: Entführung und Erpressung gehören zum Alltag im Bürgerkriegsland. Selbstverständlich sagte ich zu, Namen zu verändern, Orte nicht zu nennen, Gehörtes zu verschweigen und Nichtgehörtes zu akzeptieren. Manches bleibt daher verschwommen, so wie auch der Fotograf des Bandes, Enno Kapitza, einige seiner berührenden Porträts im Ungefähren lässt, andere unscharf zeigt und manche Männer auf den Bildern ihre Gesichter verbergen.

 Dieser Text ist dem Vorwort von Wilhelm Christoph Warning entnommen. Fotos © Enno Kapitza/Agentur Focus 2016

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