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31. August 2016 von Sieveking Verlag

Wunderkammern sind ein Kosmos für sich.

Wunderkammern sind ein Kosmos für sich.

Korallen, Globen, Versteinerungen, Muscheln, Insekten, exotische Tierpräparate, Schrumpfköpfe, Stammeskunst, Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzereien, verzierte Straußeneier, ostasiatisches Porzellan: All dies und vieles mehr findet sich in einer typischen Wunderkammer. Ihre Blütezeit erlebten solche Kunst- und Kuriositätenkabinette in der Barockzeit. Fürsten und vermögende Bürger stellten ihre repräsentativen Sammlungen von kuriosen Gegenständen und Reisemitbringseln völlig unhierarchisch und genreübergreifend nebeneinander aus. Diese liebevollen Arrangements aus Naturobjekten, Handwerk und Kunstgegenständen wurden gerne in aufwendigen, verschachtelten Kabinettschränken aufbewahrt. Die Faszination für kuriose Gegenstände, aber auch die Begeisterung für das technisch Mögliche sollten den Betrachter zum Staunen bringen. Schon während der Barockzeit waren einige Wunderkammern in verschiedenen europäischen Städten in Reiseführern empfohlen. Heute sind etliche bedeutende Sammlungen in Museen überführt worden und so für jedermann zugänglich.

Hier einige Tipps:

Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle ©Thomas Meinicke

Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle ©Thomas Meinicke

Die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftung in Halle

Mit pädagogischem Anspruch: 1698 wurde eine der wenigen vollständig erhaltenen barocken Wunderkammern Europas von August Hermann Francke in Halle an der Saale angelegt. Die Franckeschen Stiftungen verstehen sich als pietistisches Sozial- und Bildungswerk. Ausgestellt in verzierten Sammlungsschränken des Altenburger Kupferstechers Gottfried August Gründler, sind die Kuriositäten aus aller Welt im ehemaligen Schlafsaal der Waisenknaben im Historischen Waisenhaus untergebracht, wo sie bis heute besichtigt werden können. Die liebevoll zusammengetragene Sammlung diente dem Zweck, eine universelle Weltsicht zu vermitteln, in der alle Bereiche des Lebens in einen Zusammenhang gebracht werden können. Über allem schwebt ein riesiges, mit Stroh ausgestopftes Nil-Krokodil. Auch in der DDR war die materialreiche Sammlung zugänglich. Nach der Wende wurde das Waisenhaus saniert und die Wunderkammer in originaler Form wieder aufgebaut.

Historisches Waisenhaus
Franckeplatz 1, Haus 1, 06110 Halle (Saale)
Di – So 10 – 17 Uhr
Montags geschlossen
www.francke-halle.de

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Saal der „Naturalia“ Wunder der Natur  © Bayerisches Nationalmuseum München

Saal der „Naturalia“
Wunder der Natur
© Bayerisches Nationalmuseum München

Die Kunst- und Wunderkammer Burg Trausnitz in Landshut

Eine der bedeutendsten Kunstkammern Europas gründete im Jahre 1565 Herzog Albrecht V. in München. Über 6000 Gegenstände umfasst die sehenswerte Sammlung. Auch sein Sohn, Erbprinz Wilhelm, führte die Sammelleidenschaft seines Vaters fort. Auf Burg Trausnitz in Landshut baute er die „Junge Kunstkammer“ auf, die Kurioses und Exotisches miteinander verbindet. 1579 zog er als Herzog nach München und vereinte seine Sammlung mit der seines Vaters. Heute ist die Kunst- und Wunderkammer wieder auf Burg Trausnitz zu sehen als Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums. Die Kostbarkeiten sind nahezu wissenschaftlich nach vier Kategorien geordnet: Artificialia zeigt wundersame Kunststücke, Naturalia umfasst die Wunder der Natur, Exotica versammelt Wunderkammerobjekte aus fremden Ländern, und Scientifica zeigt wissenschaftliche Objekte.

Burgverwaltung Landshut
Burg Trausnitz 168
84036 Landshut
April bis September 9 – 18 Uhr
Oktober bis März 10 – 16 Uhr
www.burg-trausnitz.de

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Wunderkammer Olbricht 2012 © me Collectors Room Berlin, Photo Bernd Borchardt

Wunderkammer Olbricht 2012 © me Collectors Room Berlin, Photo Bernd Borchardt

Die Wunderkammer Olbricht in Berlin

Dass auch Sammler zeitgenössischer Kunst eine Vorliebe für Wunderkammern haben können, beweist Thomas Olbricht in Berlin. Im Mai 2010 eröffnete er in der Auguststraße in Berlin-Mitte sein Privatmuseum „me Collectors Room“. Neben wechselnden Ausstellungen ist hier in zwei Räumen permanent die Wunderkammer Olbricht mit über 200 Exponaten aus Renaissance und Barock zu sehen. Ein Kokosnusspokal aus dem Besitz Alexander von Humboldts trifft hier auf Darstellungen brasilianischer Kannibalen, elegante Bernsteinspiegel auf einen Stoßzahn des Narwals. Für die Konzeption, Installation und Betreuung der beeindruckenden Wunderkammer ist Georg Laue aus München verantwortlich, der 1997 die Kunstkammer Georg Laue in unmittelbarer Nähe der Pinakotheken gründete.

me Collectors Room
Auguststr. 68
10117 Berlin
Di – So 12 – 18 Uhr
Montags geschlossen
www.me-berlin.com
 

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Der Beitrag wurde von Nicole Büsing & Heiko Klaas geschrieben.