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Abendgage oder fester Vertrag

Abendgage oder fester Vertrag

Wie sollen darstellende Künstler entlohnt werden?

Ein Gastbeitrag von Philip Eisenbeiss

Im Zuge der Corona Pandemie finden wir uns heute vor geschlossenen Theatern. Unzählige Musiker, Sänger und andere Künstler sind unterbeschäftigt oder sogar ohne jegliches Einkommen. Auch für die Zukunft, die Zeit nach der Pandemie, stellt sich die Frage: Wie sollen darstellende Künstler bezahlt werden?

Schon vor 200 Jahren war dies ein großes Thema. Auch der legendäre Impresario Domenico Barbaja, der die Theater- und Opernlandschaft von 1810 bis 1835 in ganz Europa dominierte, musste sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Er hatte, und dies war revolutionär für seine Zeit, viele Künstler unter einem festen, mehrere Jahre andauernden Vertrag. Dies gab den Musikern in seiner Truppe eine gewisse finanzielle Sicherheit. Doch unzählige Opernsänger, vor allem die ganz berühmten ihrer Zeit, erhielten nur eine Abendgage. Und um diese Gagen wurde oft – ganz modern – gestritten und prozessiert.

Um 1831 prozessierte Barbaja gegen einen Balletttänzer, einen Choreografen, mehrere Sänger, und einen anderen Impresario. Dabei hatte er es auch mit einer besonders unverdrossenen Gegnerin zu tun: der prozessfreudigen Primadonna Luigia Boccabadati. In ihrer relativ kurzen Laufbahn nahm die beliebte Sängerin an fünf Weltpremieren des Komponisten Gaetano Donizetti teil und war, zumindest vor einer besonders peinlich missratenen Premiere, eine von Barbajas Favoritinnen.

Die Sopranistin war im Februar 1829 in Barbajas Truppe eingetreten, frisch beflügelt durch ihren gerichtlichen Sieg über einen römischen Impresario. Gegen diesen hatte sie geltend gemacht, dass ein Sänger – als freier Künstler – eine Gage für eine Spielzeit erhielt und nicht mit einer Tagesgage für einzelne Auftritte abgegolten werden sollte, wie ein »mechanischer« Angestellter. In Neapel musste sie zahlreiche Bühnentermine krankheitsbedingt absagen, woraufhin Barbaja sie wegen ausgefallener Auftritte belangte. Der Rechtsstreit trieb sowohl die Sängerin als auch den Impresario in den Wahnsinn, denn er wurde bis vor das Oberste Gericht getragen. Anfangs stritten sich die beiden nur über krankheitsbedingtes Fernbleiben, doch schon bald ging es auch um die Beweiskraft der Anwesenheitsliste des Inspizienten (die Sängerin argumentierte, die Liste sei manipuliert, weil der Bühnenmanager Barbajas Angestellter war), die Einnahmen aus ihrem Benefizauftritt (der während der Fastenzeit bei um ein Drittel reduzierten Preisen stattfand) und verspätete Gagenzahlungen.

Barbaja ging zwar letztlich als Verlierer aus diesen nervtötenden Prozessen hervor, doch die Gerichtsverfahren unterstreichen die absolute Verbissenheit des Impresarios, wenn es darum ging, das zu verteidigen, was er als seinen Rechtsanspruch ansah. Der Sängerin, die ein monatliches Gehalt von 650 Dukaten bezog und vertragsgemäß recht bequem in einer voll möblierten Wohnung im Palazzo Barbaja an der Via Toledo in Neapel logierte, wurde Schadenersatz zuerkannt. Barbaja sorgte jedoch dafür, dass die Karriere der Sängerin in Italien zu Ende war. Sie sang kaum noch an einem größeren Haus. Barbaja nannte sie fortwaehrend nur noch „Boccapatate“ (Kartoffelmund).

Dieser Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Kampf der Kulturschaffenden um faire und sichere Bezahlung nicht erst seit Corona aktuell ist. Er wird seit Jahrhunderten geführt. Letztlich geht es dabei immer auch um die Frage: Was ist unserer Gesellschaft die Kultur wert? Vielleicht führt die Corona-Pandemie dazu, diese Frage verstärkt anzugehen.

Mehr dazu?
In Philip Eisenbeiss Biografie »Domenico Barbaja: Schillernder Pate des Belcanto« erfahren Sie mehr über das aufregende Leben des wichtigsten Opernimpresarios der Welt. Skrupellos und doch charmant wurde Barbaja mit streitlustigen Primadonnen, Komponisten, ja sogar Königen, Gaunern und Geldspielern fertig und begründete – mit Hilfe seines riesigen Casinomonopols – das erste multinationale Musikimperium. Eine packende Lebensgeschichte!

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