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Die Arbeit hinter dem Buch »Wenn nicht ich, wer dann«

Die Arbeit hinter ...

… »Wenn nicht ich, wer dann?«
An der Übersetzung der 50 Reden von 50 großen Frauen in Wenn nicht ich, wer dann?  hat ein insgesamt siebenköpfiges Übersetzerteam mitgewirkt. Wir wollen die »Arbeit hinter dem Buch«, ohne die nichts davon auf Deutsch zu lesen wäre, ein Stück weit sichtbar machen und haben fünf der Übersetzerinnen gefragt, welche der Reden sie besonders beeindruckt und welche speziellen Herausforderungen die Texte an sie gestellt haben.

Silke Kleemann

Elke Link

Kristin Lohmann

Andrea O’Brien

Viola Siegemund

Von Silke Kleemann

Barbara McClintock

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Geschichte von Barbara McClintock, obwohl ich deren Rede gar nicht selber übersetzt habe. McClintock, eine amerikanische Genetikerin, die ich erst durch dieses Buch kennengelernt habe, erhielt 1983 den Nobelpreis für Medizin – nachdem ihre Forschung zuvor fast 40 Jahre lang unbemerkt geblieben war! In ihrer Rede sagt sie ganz gelassen, ihre Entdeckungen seien wohl zunächst »zu radikal für die Zeit« gewesen. Und anstatt sich davon unterkriegen zu lassen und aufzugeben, beschreibt sie diese lange Spanne der Nichtbeachtung als »Vergnügen«. O-Ton: »Sie gab mir die völlige Freiheit, meine Forschung ungestört und aus reiner Freude an der Sache fortzuführen.« Das finde ich großartig und inspirierend – etwas einfach, und sei es über Jahrzehnte, aus innerer Überzeugung und Freude an der Sache beharrlich weiter zu verfolgen!

Von Silke Kleemann

Ursula K. Le Guin

Von den Texten, die ich selbst für das Buch übersetzt habe, hat mich Ursula K. Le Guins Abschlussrede mit linker Hand von 1983 besonders gefordert. Le Guin ist eine Autorin, die ich wegen ihres freien und radikalen Denkens sehr bewundere, und diese einzigartig-eigenständige – und sehr genderbewusste! – Denkweise zeigt sich auch in ihrer Sprache. Jedes Wort ist mit Bedacht gewählt, Motive ziehen sich durch den Text, die ähnlich wie bei Lyrik stark aufgeladen sind und auf jeden Fall als wiederkehrende Momente erkennbar sein müssen, wie z.B. die »Tag- und Nachtseite des Landes«. In ihrer Rede nähert sie sich einer »Sprache der Frauen«, und da es dabei um neu zu erschließendes Territorium und ein Abweichen von der bis dato vorherrschenden Norm (alias »Machoman«) geht, habe ich bei jedem Wort und jedem Satz sehr genau überlegt, ob sie Le Guins Vision  gerecht werden. Es ist ein Text, bei dem die Aufladung mit neuen Bedeutungen wichtiger ist als das Erfüllen bekannter Konventionen, und das hat die Arbeit daran so spannend gemacht.

Von Elke Link

Frances Wright

Die schottische Sozialreformerin Frances »Fanny« Wright unternahm 1829 eine Vortragsreise durch die USA. Die erstklassige Rednerin sprach über Kinder- und Frauenrechte, Geburtenkontrolle, Sklaverei, Religion und Bildung. In ihrem Vortrag Über das freie Forschen als ein Mittel, angemessenes Wissen zu erlangen fordert sie mit logischen Argumenten vehement den Zugang zu Wissen gleichermaßen für Frauen wie Männer – in unseren Breiten heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Doch nicht nur ihre Themen erregten damals die Gemüter: Allein die Tatsache, dass sie vor einem gemischten Publikum aus Männern und Frauen sprach, brachte ihr den Ruf als »rote Dirne« ein.

Von Elke Link

Julia Gillard

Eine besondere übersetzerische Herausforderung stellte die im Internet vielfach verbreitete Misogyny Speech oder Rede gegen den Frauenhass der damaligen australischen Premierministerin Julia Gillard aus dem Jahr 2012 dar. Julia Gillard spricht voller Leidenschaft und Inbrunst – und die Mündlichkeit dieser Rede mit ihren Wiederholungen, den Gesten, der Intonation war nur schwer zu übertragen. Eine tolle Frau, die ihre Rolle behauptet hat: »Ich lasse mir von diesem Mann nichts über Sexismus und Frauenfeindlichkeit erzählen …«

Von Kristin Lohmann

Alicia Garza

In übersetzerischer Hinsicht eindrücklich beziehungsweise herausfordernd war für mich insbesondere der Text von Alicia Garza – keine Rede, sondern eine Ode. Eine kämpferische Würdigung der schwarzen Frauen, die nicht zu pathetisch werden durfte und vor allem den Rhythmus des Originals beibehalten sollte – ich habe den Text beim Lesen immer als eine Art Rap wahrgenommen, durch die Wiederholungen, die Absätze, die Syntax. Diese Eindrücklichkeit im Deutschen zu erzeugen, war eine spannende Herausforderung.

Von Andrea O'Brien

Toni Morrison

Vier Frauen, vier Stimmen, ein gemeinsames Ziel. Countess Markiewicz, Virginia Woolf, Toni Morrison und Michelle Obama hielten im April 2019 Einzug in mein Arbeitszimmer. Jede dieser Frauen lag mir auf ihre Weise am Herzen. Jede ist Teil ihrer jeweiligen Zeit, Kultur, Geschichte und Gesellschaft, jede hat ihre eigene Art, ihren eigenen Ton, ihre ganz individuelle Befindlichkeit und Betrachtungsweise. Die rhetorische Wucht ihrer Vorträge ins Deutsche zu übertragen und dabei die Besonderheit und Individualität der Autorinnen zu erhalten – so lautete meine Aufgabe.

Jeder Beitrag war mit besonderen übersetzerischen Ansprüchen verbunden, doch die größte Herausforderung präsentierte mir Toni Morrison. Ihre Rede hat mich auf mehreren Ebenen beeindruckt, und die Übersetzung erforderte viele Stunden des Nachdenkens und vorsichtigen sprachlichen Tastens. Dieser Text mit seiner rhetorischen Dichte, sprachlichen Virtuosität, eindringlichen Bildsprache und dem suggestiven Subtext hat mich zur sprachlichen und kreativen Hochleistung angespornt, und seine Übersetzung hat mir große Freude bereitet.

Es gibt in dieser Rede einen berühmten Passus, der das gesamte Register der oben genannten Herausforderungen abbildet. Er lautet im Original wie folgt:

Englische Version

The systematic looting of language can be recognized by the tendency of its users to forgo its nuanced, complex, mid-wifery properties for menace and subjugation. Oppressive language does more than represent violence; it is violence; does more than represent the limits of knowledge; it limits knowledge. Whether it is obscuring state language or the faux- language of mindless media … whether it is the malign language of law- without-ethics, or language designed for the estrangement of minorities, hiding its racist plunder in its literary cheek – it must be rejected, altered and exposed. It is the language that drinks blood, laps vulnerabilities, tucks its fascist boots under crinolines of respectability and patriotism as it moves relentlessly toward the bottom line and the bottomed-out mind.

Deutsche Version

Die systematische Plünderung der Sprache ist leicht daran zu erkennen, dass ihre Benutzer auf ihre nuancenreichen, komplexen, geburtshelfenden Eigenschaften verzichten und sie stattdessen zur Drohung und Unterwerfung einsetzen. Repressive Sprache repräsentiert Gewalt nicht nur, sie ist Gewalt, sie repräsentiert nicht nur die Grenzen der Erkenntnis, sie begrenzt die Erkenntnis selbst. Ob es sich nun um verschleiernde Staatsprache handelt oder um die Pseudosprache der geistlosen Medien (…), die bösartige Sprache des Gesetzes ohne Moral oder Sprache, die erfunden wurde, um Minderheiten auszugrenzen, und die ihre rassistische Ausbeutung in ihrer literarischen Frechheit verbirgt – sie gehört zurückgewiesen, umgeformt und entlarvt. Diese Sprache leckt Blut, labt sich an Verletzlichkeiten, versteckt ihre faschistischen Stiefel unter dem Reifrock der Anständigkeit und der Vaterlandsliebe, während sie gnadenlos auf das zusteuert, was unterm Strich übrig bleibt, den geistigen Bankrott.

Von Viola Siegemund

Elizabeth Cady Stanton

Von den vielen ergreifenden Reden in Wenn nicht ich, wer dann? hat mich Elizabeth Cady Stantons Abschiedsrede The Solitude of Self mit am meisten beeindruckt – gehalten 1892, mit fast 80 Jahren. Darin zeichnet sie auf unvergleichlich poetische Art und Weise das Bild eines Menschen – Mann wie Frau – als Reisendem allein auf hoher See, der »Kapitän, Lotse und Maschinist sein, mit Karte und Kompass am Ruder stehen, stets den Wind und die Wellen im Blick haben und wissen [muss], wann die Segel einzuholen sind«. Stantons Rede ist bei aller lyrischen Dichte ein unerbittliches politisches Manifest und einer jener epochemachenden Texte, von denen man als Übersetzer*in zumeist nur träumen kann.

Von Viola Siegemund

Gloria Steinem

Und dann durfte ich auch noch Gloria Steinem übersetzen, die Leitfigur der modernen US-Frauenbewegung. In Wenn nicht ich, wer dann? findet sich ein Auszug aus ihrer Rede beim Women’s March in Washington, D.C. am 21. Januar 2017, einen Tag nach Donald Trumps Amtseinführung als US-Präsident. Mich hat diese Rede extrem bewegt, weil sie zum einen herrlich streitbar und wütend daherkommt, aber gleichzeitig auf einer so zuversichtlichen, hoffnungsvollen Note ausklingt, dass mir beim Übersetzen vor Rührung zeitweise die Tränen kamen. Die emotionale Wucht von Steinems Worten einzufangen, und das allein über die Sprache, ohne auf rhetorische Mittel wie Gestik, Mimik und Tonfall zurückgreifen zu können, von denen gerade diese Rede so stark zehrt, war eine schwierige, schöne Aufgabe.

Reden, die zu Revolutionen führten und Wendepunkte der Geschichte markierten. Reden, die Anstoß zu Veränderungen gaben und ihren Zuhörerinnen die Augen öffneten. Frauen die ihre Stimmen erhoben und sich stark machen gegen Diskriminierung und für Selbstbestimmung. Sie kämpfen für Wahlrecht, Gleichstellung und Unabhängigkeit. Sie setzen sich für freie Liebe, Geburtenkontrolle und LGBTQ-Rechte ein. Sie referieren über Nachhaltigkeit, stellen ihre Forschung vor und schildern persönliche Erfahrungen.

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