Entdeckung

Tsum-Tal: Hier wohnt das Glück!

Tsum-Tal: Hier wohnt das Glück!

Interview von Titus Arnu

Karénina Kollmar-Paulenz hat sich als Religionswissenschaftlerin und Zentralasienwissenschaftlerin eingehend mit buddhistischen Traditionen beschäftigt und hat unter anderem tibetische und mongolische Mythologien erforscht. Der Begriff des glücklichen oder versteckten Tals spielt dabei eine zentrale Rolle. Im Gespräch erklärt sie, was es damit auf sich hat.

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TITUS ARNU

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KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ

TITUS ARNU
Tsum-Tal trägt den Beinamen »Das glückliche Tal«, ähnliche Täler gibt es in anderen Regionen des Himalaya auch. Woher kommt diese Bezeichnung?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Das glückliche Tal ist eine sehr alte Vorstellung aus dem tibetischen Buddhismus. Auf Tibetisch heißen diese Täler Beyul, das kann man auch übersetzen mit »verborgenes Land« oder »verstecktes Tal«. Der Begriff stammt nachweislich aus dem 13. Jahrhundert, der Zeit des ersten Mongoleneinfalls in Tibet, dazu gab es die ersten schriftlichen Dokumente. Die Vorstellung ist aber noch älter, eine Nyingma-Vorstellung, der sogenannten Alten, geht also zurück auf die älteste Schule des tibetischen Buddhismus aus dem siebten, achten Jahrhundert.

TITUS ARNU
Wie ist dieser Mythos entstanden?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Man kann sich der Konzeption des versteckten Tals gerade durch seine Entstehungsgeschichte annähern. Während der ersten Mongoleneinfälle in Tibet entstanden Texte, die den Weg in ein solches verstecktes Tal beschreiben. In den Beschreibungen spielt immer eine Rolle, wann dieses Tal geöffnet werden kann – das ist der Fall, wenn Kriege, Invasionen und Zerstörung durch Naturgewalten drohen. Daran kann man also schon etwas Wichtiges dingfest machen: Diese Täler sind Zufluchtsorte vor Kalamitäten, die eine Gemeinschaft existenziell bedrohen.

Tiefblick: Von einer Hängebrücke aus schaut man in der Nähe des Ortes Ripchet in diese Schlucht. © ‎Enno Kapitza

TITUS ARNU
Heißt das, diese Täler sind spirituelle Zufluchtsorte, an die sich die Menschen in ihrer Not hinsehnen? Oder sind es wirklich geheime Orte und Regionen in den Bergen, in die tibetische Buddhisten in ihrer Not flüchteten?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Beides. Die Vorstellung dieses paradiesischen Ortes, an dem man in Frieden leben kann, hängt mit den sogenannten Schatztexten zusammen. Das ist auch eine Lehre der Nyingma-Schultradition. Der indische Meister Padmasambhava soll im achten Jahrhundert nach Tibet gekommen sein, um dort die buddhistischen Lehren zu verbreiten. Er soll wichtige Texte und Anleitungen für Rituale vor seinen Zeitgenossen verborgen haben, zum Beispiel in Felsspalten und unter der Erde.

TITUS ARNU
Warum hat er das getan?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Weil seine Zeitgenossen noch nicht reif waren für eine bestimmte Lehre, heißt es in den Überlieferungen. Zu späteren Zeiten sollten dann Schatz-Entdecker kommen, die diese Schriften und rituellen Gegenstände finden – vorausgesetzt, sie haben die notwendige spirituelle Reife dafür. Die Beyul gehören auch zu den verborgenen Schätzen, aber sie sind geografisch fassbar. Und sie implizieren zugleich eine spirituelle Qualität und eine ganz konkrete physische Qualität.

TITUS ARNU
Was bedeutet das?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Es gibt ganz genaue Beschreibungen, wie man so ein verstecktes Tal erreichen kann. Ein ganz berühmtes Tal ist zum Beispiel Dremojong, der tibetische Name für Sikkim. Diese Region im südlichen Himalaya, die heute zu Indien gehört, war aus Sicht des tibetischen Buddhismus ein verborgenes Tal. Es wurde von einem berühmten Schatzentdecker im 14. Jahrhundert geöffnet. Wenn man in die Geschichte schaut, gibt es eine Erklärung dafür: Als buddhistische Gruppen in Tibet verfolgt wurden, flohen sie nach Sikkim und Bhutan.

TITUS ARNU
Was zeichnet so ein glückliches Tal aus, außer dass man sich dort vor Feinden verstecken kann?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Die Beyul werden als paradiesische Orte beschrieben. Es heißt, dass dort der Tsampa, der Brei aus gerösteter Gerste, schon vorhanden ist, ohne dass man ihn zubereiten muss. Das Getreide wächst auf den Feldern, ohne dass man es anbauen muss. Diese Gegenden sind reich an Heilpflanzen, die in der tibetischen Kultur eine wichtige Rolle spielen. Buttertee steht unbegrenzt zur Verfügung, ohne dass man ihn kochen muss. Es soll dort Bäche voller Milch geben …

TITUS ARNU
Also eine Art Schlaraffenland?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Genau, aber noch mehr. Dazu kommt die spirituelle Qualität. Jemand, der ein verstecktes Tal gefunden hat, kann dort viel schneller die Buddhaschaft erlangen als anderswo. Es gibt ein sehr hübsches Sprichwort dazu: Selbst die Läuse, die man auf seinem Körper ins glückliche Tal mitbringt, werden nach ihrem Tod in der Sukhavati, dem Buddhafeld des Buddhas Amitabha, wiedergeboren und erlangen dort sofort die Buddhaschaft, die Befreiung aus dem Kreislauf des Lebens, ohne noch viele Wiedergeburten durchleben zu müssen.

TITUS ARNU
Der Weg in so ein verstecktes Tal ist eine Prüfung für Geist und Körper, wie auch Wanderer berichten können, die zu Fuß ins Tsum-Tal kommen. Kann es sein, dass diese Strapazen in eine religiöse Bedeutung verklärt wurden? Um dem Leiden eine höhere Bedeutung zu geben?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Da kann man schön Parallelen ziehen zu europäischen Paradiesvorstellungen. Da ist der Weg auch immer beschwerlich. Religionsgeschichtlich gesehen, kommt dies immer wieder vor, in vielen Formen: Durch die Beschreibung von physischen Anstrengungen erfolgt eine Läuterung des Geistes. Der Weg ins Tal läutert den Wanderer, das ist ja auch die Idee bei christlichen Pilgerwanderungen.

TITUS ARNU
Und erfüllt die Natur in diesen heiligen Tälern auch spirituelle Funktionen?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
In der buddhistischen Literatur wird das versteckte Tal als paradiesische Gartenlandschaft beschrieben, als gezähmte Natur. Gleichzeitig gilt es als Gottheit, die in der Landschaft verborgen ist. Pemakö im östlichen Tibet ist zum Beispiel eines der versteckten Täler, durch das Gebiet fließt der Brahmaputra. Dieses Tal wird imaginiert als Körper der tantrischen Gottheit Vajravarahi. Wenn der Yogi am Fluss entlang geht, wandert er durch die verschiedenen Chakras im Körper der Gottheit. In der Vorstellung der Menschen, die in dem Tal lebten, spielte die Anwesenheit dieses Körpers eine große spirituelle Rolle. Solche spirituell bedeutsamen Elemente findet man immer wieder in den Landschaften der versteckten Täler.

TITUS ARNU
Im Tsum-Tal sind Quellen, Bäume, Höhlen und Seen heilig. Viele Pflanzen und fast alle Tiere sind geschützt. Trägt die spirituelle Tradition des tibetischen Buddhismus also zum Naturschutz bei?

KARÉNINA KOLLMAR-PAULENZ
Die Sakralisierung der Landschaft ist sicher durch die spirituelle Tradition zu erklären. Dieses Versiegeln der Landschaft ist seit dem 11. Jahrhundert in Tibet und später auch in der Mongolei zu beobachten. In der Mongolei gab es schon vor mehr als zweihundert Jahren Zonen, in denen man nicht jagen durfte, Pflanzen waren besonders geschützt – im Grunde ein Vorläufer unserer modernen Naturschutzgebiete. Das ist eine durchaus gängige kulturelle Strategie. In einigen Gebieten im Himalaya und vor allem in der postsozialistischen Mongolei wird das nun von buddhistischen Klöstern wieder gepusht. Das ist eine Reaktion auf den Raubbau an der Natur, der dort betrieben wird – dort bauen internationale Konzerne, vor allem aus Kanada und Japan, die Bodenschätze ab.

Lebensader: Entlang des Flusses Shar, zurück in Richtung Talausgang. © ‎Enno Kapitza

Mit ausdrucksstarken Porträtfotografien der Einheimischen – den Gesichtern des Glücks – und mit spektakulären Landschaftsaufnahmen der wilden, unberührten Natur erzählt dieser aufwendig gestaltete Bildband von einem einzigartigen Tal und seiner Religion. Ein Blick aus unserer westlichen Sicht auf diese faszinierende andere Welt.

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